Positionierung des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg zum „Pakt für gute Bildung und Betreuung“

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Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Eisenman,

Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg begrüßt grundsätzlich das Vorhaben zum „Pakt für gute Bildung und Erziehung“, den Sie am 26.07.2018 im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt haben. Jeder Schritt zu einer Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität in Kindertageseinrichtungen kommt unseren Kindern und damit unser aller Zukunft entgegen. Zu den einzelnen Punkten im vorgesehenen Pakt nehmen wir wie folgt Stellung:

Forum Frühkindliche Bildung
Wir freuen uns über Ihre Äußerung, künftig den „Stellenwert der frühkindlichen Bildung nach außen hin sichtbar zu machen“ , stehen der geplanten Errichtung eines am Kultusministerium angesiedelten „Forums für frühkindliche Bildung“ jedoch kritisch gegenüber, da wir den Aufbau einer Parallelstruktur im Bereich der Beratung und Begleitung der Träger für wenig zielführend halten.
Um den Stellenwert der frühkindlichen Bildung nicht nur nach außen, sondern auch nach innen zu erhöhen, sollte das Land in den Ausbau und die Finanzierung der bestehenden Fachberatung für Kindertageseinrichtungen und die Kindertagespflege einsteigen, die gemeinsam mit unabhängigen Organisationen aus Wissenschaft und Forschung an der Weiterentwicklung der Qualitätsstandards arbeitet könnte.

Im Sinne des Subsidiaritätsprinzips sollte das Land statt der Errichtung einer staatlichen Institution in die Stärkung der unabhängigen Begleit- und Unterstützungssysteme investieren. Die „enge Abstimmung mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung“ findet bei uns keine Zustimmung, da sich hier eine zunehmende Verschulung der Kindertageseinrichtungen abzeichnet. Dies entspricht nicht unseren Zielen und Vorstellungen des Auftrags der Kindertageseinrichtungen in der frühkindlichen Bildung.


Leitungszeit
Wir begrüßen das Vorhaben des Landes, in die seit geraumer Zeit von den Verbänden geforderte Leitungszeit einzusteigen, die in Baden-Württemberg aus Mitteln des geplanten „Gute Kita Gesetzes“ finanziert werden soll. Um den dynamischen Entwicklungen in der frühkindlichen Bildung und den damit verbundenen Qualitätsentwicklungs- und Professionalisierungsansprüchen gerecht werden zu können, muss die Leitung der Kindertageseinrichtungen als ein eigenständiges Aufgabengebiet anerkannt und nicht weiterhin als „Nebengeschäft“ geführt werden. Im vorliegenden Referentenentwurf zum Gesetz sind die Bundesmittel bis zum Jahr 2022 geregelt. Die Frage nach der Finanzierung darüber hinaus muss noch geklärt werden. Wir bitten das Land, dies in den Sondierungsgesprächen mit der Bundesregierung anzusprechen bzw. die Finanzierung über die „Pilotphase“ hinaus sicherzustellen.


Offensive für gut ausgebildete Fachkräfte
Grundsätzlich begrüßen wir die geplante Erhöhung der Zahl der praxisintegrierten Ausbildungs- und Schulplätze, um dem steigenden Fachkräftebedarf in den Kitas gerecht zu werden; diese Form der Ausbildung entspricht den Anforderungen, die der Beruf an die Erzieherinnen und Erzieher stellt und ist für einen weiteren Bewerber*innenkreis attraktiv. Auch der finanzielle Anreiz für die Träger zur Bereitstellung von Ausbildungsplätzen ist aus unserer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings ist der dafür vorgesehene Zuschuss in Höhe von 100 Euro bei einer monatlichen Arbeitgeberbelastung von durchschnittlich ca. 1.500 Euro für kleine paritätische Träger nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Außerdem wird eine Befristung der Bezuschussung entsprechend auch nur ein zeitlich begrenztes Engagement der Träger zur Folge haben können. Aus unserer Sicht könnte die Zahl der Ausbildungsplätze deutlich erhöht werden, wenn auf Landesebene geklärt würde, dass erstens die Ausgaben für die PiA als Betriebsausgaben anerkannt werden und zweitens die PiA in keiner Kommune auf den Mindestpersonalschlüssel angerechnet werden muss. Neben den monetären Aufwendungen müssen die Träger auch zeitliche Ressourcen für eine qualifizierte Anleitung der PiA gewährleisten, die bislang in keiner Form berücksichtigt werden.
Zudem stellt es insbesondere für kleinere Träger eine Herausforderung dar, die nur tage- bzw. wochenweise Anwesenheit einer PiA in den allgemeinen Dienstplan zu integrieren, wenn sie auf den Stellenschlüssel angerechnet werden müssen. Diesen Herausforderungen könnten die Träger deutlich besser begegnen, wenn die PiA "on top" in der Kita arbeiten würden.


Zusätzliche Unterstützung der Kitas bei inklusiver Betreuung
Das Vorhaben der zusätzlichen Unterstützung inklusiv arbeitender Kitas bewerten wir allgemein als positiv. Wir begrüßen die geplante Doppelzählung und damit verbunden den doppelten Förderzuschuss für Einrichtungen. Allerdings findet der Ansatz, die geplante Unterstützung als neues System in Form von mobilen Fachdiensten und Qualitätsbegleiter*innen zu installieren, ebenfalls keine Zustimmung unsererseits. Die Auslagerung der Inklusionsberatung in einem eigenen System reduziert die inklusive Arbeit auf Kinder mit Behinderung und entspricht nicht dem wesentlichen pädagogischen Ansatz, die vorhandene Diversität anzuerkennen und wertzuschätzen. Die Beratung zur Inklusion sollte mit der Beratung der Träger und der Begleitung der fachlichen Arbeit aus einer Hand erfolgen und bei den Fachberatungen der Verbände angesiedelt werden. Hier sehen wir die Gefahr einer Doppelstruktur. Das Vorhaben sollte gemeinsam mit den anderen Trägerverbänden diskutiert und entwickelt werden.


Verlässliche sprachliche und elementare Förderung
Ihre Ankündigung, weiterhin in die Angebote „Singen Bewegen Sprechen“ (SBS) und „Intensive Sprachförderung im Kindergarten“ (ISK) zu investieren, können wir nicht als nachhaltige Innovation einstufen. Statt einer finanziellen Aufstockung der bereits bestehenden Angebote sehen wir die Zukunft der sprachlichen elementaren Arbeit in der alltagsintegrierten Förderung der Kinder und somit in einer konzeptionellen Neuausrichtung der sprachlichen Förderung in Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege.
Außerdem haben Sie angekündigt, dass das „neue Konzept auch die Entwicklungsbereiche der mathematischen Vorläuferfähigkeiten, der Motorik sowie der sozial-emotionalen Verhaltensweisen umfassen“ soll. Hier stellt sich die Frage, auf welcher Basis welche Kinder welche Förderung durch wen erhalten sollen und ob durch die geplanten Zusatzstunden die oben schon erwähnte drohende Verschulung der Elementarpädagogik nicht noch weiter voranschreitet. Kindergartenkinder brauchen keinen Stundenplan sondern Zeit für freies Spiel und neugieriges Weltentdecken!
Ausdrücklich begrüßen wir die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Kindertageseinrichtung, Schule und den Eltern durch das verbindliche Entwicklungsgespräch im Anschluss an die Einschulungsuntersuchung, das gemeinsam mit der Schule geführt werden soll. Ob dafür die eine Stunde, die die Kindertageseinrichtungen für die Kooperation zusätzlich erhalten sollen, ausreichen wird, bezweifeln wir nachdrücklich.


Kooperation Kita-Grundschule
In der angekündigten Kooperation zwischen Kita und Grundschule sehen wir klare politische Tendenzen zur Verschulung der Kindertagesbetreuung. Wir stimmen mit Ihnen überein, dass die einzelnen Stufen des Bildungs- und Erziehungssystems aufeinander aufbauen sollten, um Brüche oder gar Verzögerungen beim Übergang zur nächsten Stufe zu vermeiden. Doch müssen wir die Frage, ob der Auftrag der Kindertagesbetreuung und der Kindertagespflege derjenige ist, die Kinder auf die Schule vorzubereiten, mit einem eindeutigen „Nein“ beantworten.
Die in Deutschland gegenwärtig vorherrschende Misere im Bildungssystem muss im System selbst behoben werden und kann nicht durch Kindertageseinrichtungen und die Kindertagespflege aufgefangen werden, indem die Kinder dort gezielt auf das schulische Lernen vorbereitet werden. Die Kindertageseinrichtungen haben einen eindeutigen Auftrag und ihre eigenständigen und eigenwertigen Lern- und Bildungskulturen in der Elementarpädagogik, die es zu erhalten gilt.

Kindertagespflege finanziell und qualitativ stärken
Wir begrüßen Ihre Zusage, eine finanzielle Stärkung der Tagespflegepersonen herbei zu führen. Die Kindertagespflege ist auch aus unserer Sicht ein unverzichtbarer Beitrag zur Sicherung der Kinderbetreuung und wird dem Wunsch- und Wahlrecht der Eltern gerecht.
Die finanziellen Leistungen an konkrete Qualitätsstandards zu knüpfen, begrüßen wir ebenfalls. Bei der Weiterentwicklung der Qualität sollte das gemeinsam mit dem Landesverband der Kindertagespflege BW, dem KVJS und den Vertreter*innen des Kultusministeriums entwickelte Konzept zur Weiterentwicklung der Qualifizierung und Fortbildung von Tagespflegepersonen herangezogen und in der Phase der Konkretisierung des Vorhabens der Landesverband der Kindertagespflege BW weiterhin mit einbezogen werden.
Im Allgemeinen begrüßen wir das Vorhaben des Landes, sich mit höherer Landesbeteiligung an den Betriebskosten zu beteiligen. Doch entspricht die gegenwärtige Finanzierungslogik nach unserer Einschätzung nicht der Grundlogik von Jugendhilfeleistungen, auf die ein Rechtsanspruch besteht. Daher sollte das langfristige Ziel der Landesregierung die Streichung des sogenannten Trägeranteils in der Finanzierung der Kindertageseinrichtungen für alle freien Träger in Baden-Württemberg sein.
Als abschließende Kritik möchten wir hervorheben, dass die Verhandlungen zum geplanten „Pakt für gute Bildung und Erziehung“ nicht wie von Ihnen dargestellt in Abstimmung mit allen Trägerverbänden erfolgt sind. Diese wurden nur unter Einbezug der Kommunalen Spitzenverbände und den Vertreter*innen der Vier-Kirchen-Konferenz diskutiert und ausgehandelt.
Dieser Umstand wurde in der AG Frühkindlichen Bildung weder kommuniziert noch diskutiert. Wir kritisieren und verurteilen die fehlende Transparenz in dieser Arbeitsgruppe. Diese Vorgehensweise entspricht nicht unserer Vorstellung von kooperativer und fairer Zusammenarbeit.
Wir fordern das Land auf, bei zukünftigen Vorhaben alle Trägerverbände gleichermaßen in die Planungen mit einzubeziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Ursel Wolfgramm
Vorstandsvorsitzende

Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg e.V.

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